LGBTQ+ in der Tech-Branche: Apps entwickeln und Magie verbreiten – Teil II
Eirini-Eleni Papadopoulou
6. Juli 2020
0 Min. LesezeitWas für ein Monat!
Der Juni 2020 war für viele revolutionär: Aktivist:innen und Unterstützer:innen kamen als Reaktion auf zahlreiche einschneidende Ereignisse zusammen. Dieses Jahr sieht Pride etwas anders aus. Sehr viel anders.
Die Paraden finden alle virtuell statt, die Feierlichkeiten sind kapazitätsbedingt eingeschränkt, und obwohl es Erfolge für die LGBTQIA+-Community gab, haben die jüngsten Todesfälle und Proteste deutlich gemacht, dass viele noch immer für Gerechtigkeit und Gleichberechtigung kämpfen. Jetzt ist es wichtiger denn je, zu feiern, wer wir sind, und uns aktiv als Allies einzusetzen – für manche bedeutet das, sich weiterzubilden oder zu engagieren, wählen zu gehen, eigene Denkmuster zu hinterfragen oder schwierige Gespräche zu führen. Bei Snyk feiern wir den Pride Month so, dass wir alle Snyker und unsere Communities unterstützen. Erfahren Sie hier und hier mehr über unsere Initiativen.
Im Rahmen unserer Pride-Month-Feierlichkeiten haben wir mit Menschen und Organisationen aus der Tech-Branche gesprochen – über alles rund um Pride: von ihren Erfahrungen als LGBTQ+-Personen in der Branche bis hin zu herzlichen Ratschlägen für Berufseinsteiger:innen. Diese Q&A-Blogserie bringt Sie garantiert zum Lächeln und inspiriert Sie!
Falls Sie den ersten Teil verpasst haben, finden Sie ihnhier.
Und ohne weitere Umschweife: Lassen wir die Magie beginnen!
Lernen wir unsere Teilnehmer:innen kennen!

Alyssa (sie/ihr):Alyssa ist Hackerin und war das schon ihr ganzes Leben lang. Schon als kleines Kind liebte sie es, Dinge auseinanderzunehmen, um herauszufinden, wie sie funktionieren. Sie heiratete ihre Jugendliebe und ist stolze Mutter dreier wunderbarer Kinder. Als sie sich als transgender outete und mit ihrer Transition begann, ging die Ehe daran zugrunde. Ihr Ex-Partner zeigte jedoch letztlich Verständnis, und die beiden verstehen sich bis heute recht gut.

Asaf (er/ihm):Asaf ist 24 Jahre alt und schwul. Er kam im Mai 2019 zu Snyk, nachdem er über vier Jahre in den Israelischen Verteidigungsstreitkräften (IDF) gedient hatte. Zu seinen Hobbys gehören Bewegung, Lesen, Gaming, andere Kulturen kennenlernen („Essen? Immer her damit!“) und gelegentlich Netflix and Chill! Außerdem spricht er drei Sprachen.

Korina (sie/ihr):Korina ist 29 Jahre alt und sieht sich als leidenschaftliche Webentwicklerin und junge Digitalmarketerin. Ihre Freund:innen beschreiben sie als fröhliche, humorvolle und positiv denkende Person mit einer starken und gelegentlich sturen Persönlichkeit! Wenn sie nicht gerade programmiert, moderiert sie jeden Montag und Mittwoch eine Tech-Radiosendung auf 94fm.gr.
Hat Ihre sexuelle und/oder Geschlechtsidentität Ihre Karriere positiv oder negativ beeinflusst?
Alyssa: Ja, ganz sicher. Durch meine Transition habe ich mich als Mensch sehr geöffnet. Früher war ich oft etwas unbeholfen, versuchte, in Umgebungen hineinzupassen, in denen ich mich nicht wohlfühlte, und eine Rolle zu spielen, die nicht meine war. Jetzt kann ich einfach authentisch sein. Das hat meine berufliche Entwicklung enorm beeinflusst. Inzwischen konnte ich mir eine gewisse Plattform aufbauen. Deshalb ist es mir auch so wichtig, diese Plattform zu nutzen, um andere zu stärken.
Andererseits gab es eindeutig negative Auswirkungen. Im Vorstellungsgespräch ist es sehr unangenehm, wenn ein potenzieller Arbeitgeber Arbeiten aus der Zeit vor meiner Transition sehen möchte und ich gezwungen bin, meine Geschlechtsidentität offenzulegen. Ich verstecke sie zwar nicht, spreche sie aber normalerweise nicht an, solange das Thema nicht aufkommt. Schlimmer noch: Aufgrund meiner Geschlechtsidentität wurde ich direkt diskriminiert. Ich wurde bei Projekten und Beförderungen übergangen und musste abwertende und teilweise offen beleidigende Äußerungen von Kolleg:innen und sogar Kund:innen ertragen.
Am schlimmsten waren jedoch die sozialen Medien. Die Security-Branche lebt auf Twitter. Da es mir wichtig ist, andere zu stärken, lasse ich meine DMs offen. Das bedeutet allerdings, dass ich regelmäßig einige der schlimmsten Nachrichten von Menschen erhalte, die meine Geschlechtsidentität entdecken und sie zum Maßstab für meine Fähigkeiten, meine Meinung und meinen Wert als Mensch machen. Zum Glück ist der Großteil der Security-Community äußerst aufgeschlossen, ebenso wie mein aktueller Arbeitgeber. Deshalb kann ich solche Anfeindungen meistens überstehen.
Asaf: Ich würde sagen, ich stehe noch ganz am Anfang meiner Karriere. Ich kann mich nicht wirklich an einen Zeitpunkt erinnern, an dem ich aufgrund meiner sexuellen Identität oder meines Geschlechts mehr oder weniger berufliche Chancen hatte. Ebenso wenig fällt mir eine Situation ein, in der ich anders behandelt wurde. Ich denke, Snyk hat ganz natürlich eine so einladende Community geschaffen, dass ich mich nie fehl am Platz gefühlt habe – auch nicht nach meinem Umzug in ein anderes Land!
Korina: Leider ist Griechenland für LGBTQ+-Personen nicht immer eine besonders aufgeschlossene Gesellschaft. Deshalb habe ich beschlossen, am Arbeitsplatz nicht offen über meine Sexualität zu sprechen. Allerdings glaube ich, dass meine derzeitigen Kolleg:innen mit meiner sexuellen Identität kein Problem hätten … aber ich gehe lieber auf Nummer sicher!
Wie sind Sie in der Tech-Branche gelandet und was gefällt Ihnen an dieser Branche am besten?
Alyssa:Mit zwölf Jahren sparte ich das Geld, das ich mit dem Austragen von Zeitungen verdiente, und kaufte meinen ersten Computer – übrigens den ersten Computer meiner Familie. Ich brachte mir Programmierung und Modemkommunikation selbst bei und probierte einige Dinge mit Einwahldiensten aus, die rechtlich fragwürdig gewesen sein könnten. Doch letztlich legten diese frühen Jahre den Grundstein für meine heutige Karriere. In die Tech-Branche kam ich eher zufällig. Zwar programmierte und hackte ich schon früh, sah darin aber nie einen Beruf. Stattdessen begann ich an der Marquette University ein Medizinstudium. Erst nach drei Semestern Chemie wurde mir klar, dass mir dafür einfach die Leidenschaft fehlte. Also beschloss ich, das Fach zu wechseln. Ich entdeckte, dass meine Universität einen Informatikstudiengang anbot, und dachte, das dürfte leicht sein, da ich bereits programmieren konnte. Noch während meines Studiums bekam ich dann meine erste Vollzeitstelle als Entwicklerin. Nachdem ich neun Jahre für dieses FinTech-Unternehmen programmiert hatte, kam eine Managerin aus dem Security-Team auf mich zu und fragte, ob ich ihrem Penetration-Testing-Team beitreten wollte. Ich wusste nichts über Penetrationstests, aber sie war sicher, dass ich es schnell lernen würde – und das tat ich. Mit 30 leitete ich das gesamte Schwachstellenmanagementprogramm eines Fortune-200-Unternehmens mit einem Umsatz von mehreren Milliarden Dollar.
Am besten gefällt mir an der Security-Branche, wie vielseitig sie ist. Die Technologie entwickelt sich ständig weiter und wird immer wichtiger für unseren Alltag. Deshalb sind wir gefordert, alles abzusichern. Ich lerne ständig neue Technologien kennen. In der Security gibt es keinen langweiligen Tag – und genau das liebe ich. Auch die Community ist großartig darin, Wissen zu teilen und einander zu unterstützen. Vor 28 Jahren wurde DefCon gegründet, damit Hacker:innen zusammenkommen, Spaß haben und ihr Wissen teilen konnten. Heute finden jedes Jahr Tausende Security-Konferenzen statt, die genau diesen Prinzipien folgen. Ich glaube, dass ein derart gemeinschaftlicher Wissensaustausch etwas Einzigartiges in der Security ist. Konferenzen gibt es zwar in vielen Branchen, doch die Security ist führend, wenn es um von der Community organisierte Veranstaltungen geht.
Asaf: Schon als kleiner Junge fühlte ich mich zur Technologie hingezogen. Ob Grafikdesign, das Entwickeln von Websites und Anwendungen oder Heimautomatisierungsprojekte – ich wusste, dass die Tech-Branche mein Zuhause ist. In meiner Jugend habe ich viel gelernt und experimentiert, was mir definitiv eine solide Grundlage verschafft hat. Während meiner Zeit bei den IDF, wo ich in einer Cybersecurity-Einheit diente, sammelte ich wertvolle Erfahrungen und Fähigkeiten. Sie waren das erste große Sprungbrett für meine Karriere.
Korina: Ich bin in der Tech-Branche gelandet, weil ich unstillbar neugierig auf neue Herausforderungen bin, die ich erkunden kann! Mit modernster Software zu arbeiten, weckt in mir noch mehr den Wunsch, mich nach Kräften einzubringen. An der Tech-Branche liebe ich vieles – und manches nicht. Wenn ich mich für eine Sache entscheiden müsste, wäre es die Innovation, die sie vorantreibt, und die Möglichkeit, damit den Gesundheitssektor maßgeblich zu unterstützen und zu revolutionieren. Technologie macht unser Leben jeden Tag einfacher und besser. Doch die Vorteile, die sie dem Gesundheitssektor bietet, sind meiner Meinung nach die größte Errungenschaft der Technologie und ihr bedeutendster Beitrag für die Menschheit.
Engagieren Sie sich aktiv in LGBTQ+-Communities in der Tech-Branche? Wenn ja, erzählen Sie uns von der Magie, die diese Communities schaffen!
Alyssa: Vielleicht überraschenderweise tue ich das nicht. Ich habe hart daran gearbeitet, mir einen Namen auf Grundlage meiner Fachkenntnisse, Fähigkeiten und Erfahrungen zu machen. Leider habe ich festgestellt, dass meine Geschlechtsidentität, sobald sie zur Sprache kommt, in den Augen anderer zu einem zentralen Teil meiner Identität wird. Transgender ist ein Adjektiv. Ich bin eine trans Frau – genauso wie ich eine irisch-deutsche, amerikanische und weiße Frau bin. Deshalb verstecke ich zwar nicht, wer ich bin, möchte das in meinem beruflichen Umfeld aber nicht in den Mittelpunkt stellen.
Wenn ich auf meinen bisherigen Weg zurückblicke, wird mir klar: Ich musste mir alles, was ich heute habe, erarbeiten, habe aber auch von einem gewissen Maß an Privilegien profitiert, die andere Frauen und People of Color meist nicht genießen können. Deshalb ist es mir sehr wichtig geworden, mich in der gesamten Security-Branche für Vielfalt und eine inklusive Kultur einzusetzen. In der Security hat Vielfalt vielleicht mehr als in jeder anderen Branche direkten Einfluss auf Erfolg und Misserfolg. Es gibt konkrete Beispiele dafür, dass ein Mangel an unterschiedlichen Ideen und Hintergründen zu Fehlern in der Technologie geführt hat. Deshalb richte ich jeden Tag mein Handeln an meinem persönlichen Hashtag #DoBetterBeBetter aus.
Mein beruflicher Einsatz für LGBTQ+-Menschen in professionellen Umfeldern beruht darauf, dass ich sichtbar bin. Ich bin eine Frau in der Tech-Branche, das wissen die Leute. Viele wissen auch, dass ich trans bin. Ich stehe mit anderen trans Personen in der Tech-Branche in Kontakt. Wie bereits erwähnt, habe ich mir eine gewisse Plattform aufgebaut – durch öffentliche Auftritte, eine große Reichweite in den sozialen Medien und andere Aktivitäten, die mich sichtbar machen. Ich glaube, dass es für viele LGBTQ+-Personen sehr inspirierend ist, einfach eine:n Gleichgesinnte:n zu sehen, die:der jeden Tag authentisch lebt, ohne dass ein übergeordnetes Label alles bestimmt. Das wurde mir auch schon gesagt. Ich denke, das ist genauso wichtig wie der Aufbau von Communities. LGBTQ+-Communities in der Tech-Branche sind also unverzichtbar. Ich bin froh, dass es sie gibt und dass sie all die großartige Arbeit leisten. Aktuell habe ich es mir jedoch nicht zum Ziel gesetzt, mich aktiv in einer von ihnen zu engagieren.
LGBTQ+-Personen stehen bei der Berufswahl oft vor erheblichen Schwierigkeiten – stärker als andere Bevölkerungsgruppen –, vor allem wegen ungünstiger familiärer Umstände. Welche Tipps haben Sie für junge (oder auch nicht mehr ganz so junge) LGBTQ+-Personen, die eine Karriere in der Tech-Branche anstreben?
Alyssa: Finden Sie heraus, wer Sie sind, und erlauben Sie sich, ohne Entschuldigung Sie selbst zu sein. Menschen, die Sie zurückhalten, beiseiteschieben oder kleinmachen wollen, nutzen oft Ihre eigenen Unsicherheiten gegen Sie. Erkennen Sie die Aspekte Ihrer Persönlichkeit, mit denen Sie sich unwohlfühlen, und nehmen Sie sie an. Verzeihen Sie sich, dass Sie nicht dem perfekten Bild entsprechen, das Sie von sich haben, und verstehen Sie: So, wie Sie sind, sind Sie perfekt. Je mehr Sie Ihre Authentizität annehmen, desto weniger Macht haben andere über Sie.
Auf beruflicher Ebene sollten Sie Ihr Netzwerk ausbauen. Gute Menschen ziehen andere gute Menschen an. Scheuen Sie sich nicht, mit anderen ins Gespräch zu kommen, die Sie für Expertinnen und Experten auf ihrem Gebiet halten. Sie sind schließlich auch nur Menschen. Teilen Sie Ihre Leidenschaften, Ideen und Lösungen mit anderen – und seien Sie bereit, sich auch ihre anzuhören. Nutzen Sie soziale Medien, Community-Veranstaltungen und andere Gelegenheiten, um neue Menschen kennenzulernen. Wenn Sie eher introvertiert sind oder sich in sozialen Situationen unwohl fühlen, ist das völlig in Ordnung. Sprechen Sie ruhig offen darüber. Es ist absolut angemessen, ein oder zwei verlässliche Verbündete zu finden und ihnen zu sagen, dass Sie Hilfe dabei brauchen, andere kennenzulernen. Machen Sie sich bewusst, dass alle irgendwann auf den Schultern anderer stehen, um dorthin zu gelangen, wo sie heute sind. Wir alle helfen einander. Keine erfolgreiche Karriere beruht allein auf individueller Leistung.
Und schließlich sollten Sie sich bewusst machen, dass es unzählige Technologien und Themen gibt, die man lernen kann – und dass weder Sie noch sonst jemand von Ihnen erwartet, sich mit allen bestens auszukennen. Das ist schlicht unmöglich. Wenn Sie jemanden über ein Thema sprechen hören, mit dem Sie sich nicht gut auskennen, über das Sie aber gern mehr wüssten, stellen Sie Fragen. Denken Sie auch daran: Niemand weiß alles. Vielleicht ist die Person Expertin oder Experte auf diesem Gebiet, während Sie Wissen zu anderen Themen haben, von denen sie keine Ahnung hat. Also verbannen Sie das Impostor-Syndrom und entwickeln Sie sich weiter.
Asaf: Heutzutage ist Technologie sehr zugänglich, und es wird immer einfacher, sich neue Fähigkeiten oder eine Programmiersprache anzueignen. Suchen Sie sich etwas aus, das Sie interessiert, und tauchen Sie ein! Scheuen Sie sich nicht davor, sich einer Programmieraufgabe zu stellen, eine Anwendung zu entwickeln oder einfach herumzuprobieren. Auf den ersten Blick ist es vielleicht nicht zu erkennen, aber damit legen Sie ein wirklich gutes Fundament!
Korina: Junge Menschen zu betreuen, ist eine Herausforderung. Deshalb würde ich ihnen raten, Chancen zu ergreifen, auch wenn das anfangs schwierig erscheint. Es wird einige schwierige und holprige Momente geben, aber wenn Sie in Ihre Träume und Chancen investieren, wird am Ende alles gut. In der Tech-Branche sind die Menschen etwas LGBTQ+-freundlicher, aber das bedeutet nicht, dass es dort nicht auch Menschen gibt, die dieser Kultur gegenüber ablehnend eingestellt sind.
Wir hoffen, Ihnen hat dieses Q&A gefallen! Wir möchten allen Teilnehmenden ein großes Dankeschön aussprechen und ihnen unsere tiefe Wertschätzung und Zuneigung dafür zeigen, dass sie so offen ihre persönlichen Erfahrungen geteilt haben, damit alle sie lesen und daraus lernen können – Ihr seid großartig!
Lesen Sie hier unbedingt den ersten Teil dieses Q&A: hier.
Und natürlich können Sie uns gern über soziale Medien kontaktieren (LinkedIn, Facebook, Twitter, Instagram) – mit Ihren Fragen, Anliegen und natürlich Ihrem Talent! Unsere offenen Stellen finden Sie hier.
